von Tobias and Verena Streitferdt

Dauer: 19 Tage
Reiseroute: Siem Riep (4 Tage), Battambang (3 Tage), Phnom Phen (7 Tage), Kracheh (1 Tag), Ratanakiri (4 Tage)

Empfehlenswerter Reiseveranstalter vor Ort: Cambodian Travel Partners (man kann aber auch alles selber buchen).

Kambodscha liegt in Südostasien zwischen Thailand, Laos und Vietnam. Ein Bürgerkrieg hat das Land viele Jahrzehnte in seiner Entwicklung zurückgeworfen. Seit den 2000er Jahren ist die Reise durch Kambodscha und der Besuch der einzigartigen Tempelanlagen des untergegangenen Khmer-Reichs aber problemlos möglich, das Land gilt für Touristen als sehr sicher.

Reise mit dem Rollstuhl durch Kambodscha

Ich reise generell mit einem faltbaren Aktiv-Rollstuhl, kann mich nicht selber umsetzen, sondern bin immer auf fremde Hilfe angewiesen. In der Nacht benötige ich ein elektronisches Atemgerät, um meine Lungen zu entlasten. Das bedeutet, dass ich nachts durchgehend Strom benötige. Kambodscha verfügte im Jahr 2014, als ich das Land bereiste, über kein Krankenhaus westlichen Standards. Allerdings sind Singapur und Bangkok nur wenige Flugstunden entfernt und dort ist die medizinische Versorgung sehr gut. Ich empfehle dringend für behinderte Reisende, eine Auslandskrankenversicherung mit Rücktransport abzuschließen.

Transport in Kambodscha

Die Flughäfen von Siem Reap (nördlich davon liegt Angkor Wat, eine der wichtigsten Sehenswürdigkeiten) und Phnom Penh haben einen internationalen Status und werden von vielen Metropolen in Asien direkt angeflogen. Die wichtigsten Drehkreuze sind Bangkok und Singapur. Am Flughafen existieren Lastwagen mit Hebebühnen, die Rollstuhlfahrer aus der Kabine transportieren. Auf dem Rückweg flogen wir mit einer 80 Personen fassenden Propellermaschine, deren Gang zu eng für einen Kabinenrollstuhl war; ich musste von vier Flughafenmitarbeitern ins Flugzeug getragen werden. Man sollte also darauf achten, dass man mit einem Düsenflugzeug mit entsprechender Größe fliegt (weitere Infos zum Fliegen mit Rollstuhl).

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Transferlaster für gehbehinderte Reisende auf dem Flughafen von Siem Reap in Kambodscha.

Das einst von den französischen Kolonialisten eingeführte Schienensystem ist seit Jahrzehnten nicht mehr in Betrieb. Daher gibt es auch keine Zugverbindungen. Die größten Städte sind mit zweispurigen Landstraßen verbunden. Selbst zwischen Phnom Phen und Siem Reap sind diese nur teilweise asphaltiert und die Fahrt entsprechend holprig. Baustellen für den Ausbau existieren seit Jahren, ohne dass ein sichtbarer Fortschritt zu erkennen wäre – vermutlich auch eine Folge der Korruption im Land. Es existieren mehrere Buslinien unterschiedlichen Standards, die natürlich günstiger sind, als sich einen Wagen mit Fahrer zu mieten. Darauf musste ich jedoch zurückgreifen, da es 2014 keine rollstuhlgerechten Busse in Kambodscha gab. Am besten bucht man solche Fahrer über lokale Reiseveranstalter, da es fast unmöglich ist, einen Preis auszuhandeln, ohne die Khmer-Sprache zu beherrschen. Ein öffentliches Taxisystem existiert nicht. Viele Hotels bieten einen Transport vom Flughafen oder Touren zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten an; sie verfügen oft über eigene Wagen.

Innerstädtisch funktioniert der Transport am besten mit Tuk Tuksv, von Mofas gezogene Kutschen für bis zu vier Personen. Mit diesem luftigen Wägelchen wird wortwörtlich alles transportiert. Daher müssen Sie auch keine Hemmungen haben, wenn Sie Ihren zusammengeklappten Rollstuhl mitnehmen wollen. Der Einstieg ist zwar recht hoch, aber wir haben nach einigem Rumprobieren herausgefunden, dass man bei fast jedem Tuk Tuk die Armlehne mit einem Achter-Schraubenschlüssel entfernen kann (kann man auf fast jedem Markt erwerben; viele Fahrer haben auch einen Werkzeugkasten an Bord) und so das Reinheben einfacher wird. Wichtig: Immer den Preis VOR der Fahrt aushandeln und erst NACH der Fahrt bezahlen. Die Übervorteilung von unbedarften Touristen ist für einige der sonst sehr zuvorkommenden Tuk-Tuk-Fahrer eine Art Volkssport.

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Tuk Tuks sind in Kambodscha Taxi, Transporter und Bus in einem.

 

Kommunikation in Kambodscha

Faszinierenderweise sind Länder wie Kambodscha oft mit einem besseren Handy-Funknetz ausgestattet, als viele westliche Länder. Sim-Cards für Handys gibt es für wenige Dollar zu kaufen. Neben unserem Handy hatten wir auch noch eine SIM-Card für ein kleines, mobiles Modem, mit dem wir über wlan mit unseren Laptops ins Internet gehen konnten. Das Netz war fast überall stabil, nur im dünn besiedelten Nordosten war der Empfang etwas schwächer.

So gut wie jede Unterkunft bietet heute kostenloses WiFi. Auch viele Restaurants werben damit. Da aber auch dort meistens das Mobilfunknetz verwendet wird, ist vom Download großer Dateien oder von Videokonferenzen mit Webcam eher abzuraten.

Essen und Trinken in Kambodscha

CAM_03_essenDie kambodschanische Küche ist mit ihren thailändischen, laotischen, vietnamesichen und französischen Einflüssen äußerst variantenreich. Mehrgängige Menüs mit schmackhaften Currys, ausgezeichnet zubereitete Fleisch- und Fischgerichte sowie köstliche Nachspeisen stehen auf fast jeder Speisekarte. Vor allem in der Touristenhochburg Siem Reap findet man unzählige Restaurants unterschiedlicher Nationalitäten. Dabei kommt so gut wie alles in den Kochtopf – exotische Gemüse- und Obstsorten über – vermutlich unter Artenschutz stehende – Tiere wie Schildkröten bis hin zu Insekten, tellergroßen Spinnen und sogar Hunden. Doch keine Angst: Solche „Spezialitäten“ werden westlichen Besuchern eher selten angeboten, sie sind zudem gesondert gekennzeichnet und auffallend teuer.

Dank des Lobbyismus der Zuckerindustrie süßen die Kambodschaner ihr Essen sehr stark. Diabetiker sollten daher gerade bei Currys und Suppen auf der Hut sein. Sauterteig- oder Vollkornbrot findet man so gut wie nirgends, auch Müsli wird nur in Hotels der Luxusklasse angeboten. Dafür gibt es an jeder Straßenecke Obst und Gemüse in Hülle und Fülle zu kaufen. Auch unterschiedliche Reis- und Nudelsorten finden Selbstversorger auf Märkten. Eine besondere Leckerei im Nordosten Kambodschas sind die aus Kokosraspeln und Reis gekochten Stangen, die in ausgehölten Bambusstämmen am Straßenrand gekauft werden können.

Kambodscha ist geradezu ein Paradies für Vegetarier. Der Großteil der Bevölkerung ist buddhistisch. Wenn auch nicht allzuviele Einwohner streng vegetarisch leben, gibt es doch in fast jedem Restaurants viele fleisch- und fischlose Köstlichkeiten. Auch rein vegetarische Gourmettempel haben sich in den Großstädten etabliert.

 

Religion und Kultur

Rund 93% der Kambodschaner sind Anhänger des Theravada-Buddhismus, die in den Nachbarländern Thailand, Laos und Myanmar ebenfalls sehr verbreitet ist. Ca. 6% sind Moslems und nur 1% Christen. Nachdem Indochina viele Jahrhunderte hinduistisch geprägt war, wurde der Theravada-Buddhismus ab dem 14. Jahrhundert zur wichtigsten religiösen Strömung. Während der Schreckensherrschaft der Roten Khmer zwischen 1975 und 1978 wurden alle Religionen verboten und 250.000 Mönche getötet. Heute sind viele Klöster wieder aufgebaut und es leben rund 60.000 Mönche in Kambodscha.

Wer in Kambodscha „Kultur“ sagt, meint vor allem die historischen Tempelanlagen Ankors nördlich von Siem Reap. Tatsächlich zieht die Bevölkerung ihre kulturelle Identität zu einem Großteil aus dieser Blütezeit des Khmer-Reichs. Ob Musik, Tanz oder Theater – meist spielen Mythen und Sagen aus Hinduismus, Buddhismus oder eben dem großen Khmerreich eine wichtige Rolle. Dabei wurde das kulturelle Erbe Kambodschas von den Roten Khmer zwischen 1975-78 fast vollständig vernichtet. Jeder, der gebildet, intellektuell, religiös war oder eine außergewöhnliche Begabung hatte, passte nicht in das Bild des alles gleichmachenden Bauernstaates. Solche Menschen wurden verfolgt, vertrieben, interniert oder getötet. Über 95% der Künstler kamen damals ums Leben oder flohen ins Ausland. Die Folgen spürt man bis heute: Es gibt nur wenige Theater, geschweige denn Opernhäuser. Außer Tempeln und historischen Gebäuden findet man lediglich in den Großstädten so etwas wie eine Kunstszene, Museen und Galerien. Kulturelle oder künstlerische Einrichtungen sind in der Regel von ausländischen NGOs organisiert. Und doch entwickeln sich an den am wenigsten erwarteten Orten kreative Projekte, in denen die Kambodschaner die einst so vielfältige Kultur ihrer Vorfahren neu entdecken und interpretieren. Von der Khmer-Oper in Phnom Penh über den Phare Cambodian Circus in Battambang bis hin zur schrillen Travestieshow in Siem Reap ist heute in Kambodscha wieder einiges geboten.

 

Klima und Reisezeit für Kambodscha

Das Klima Kambodschas ist vom Monsun geprägt. Jedoch variieren die Temperaturen über das Jahr nur um wenige Grade, im April sind sie mit 30° am höchsten, im Dezember mit 26° am niedrigsten. Während der Regenzeit zwischen Mai und September muss man mit Überschwemmungen und gesperrten Straßen rechnen. Oft sind dann weite Landesteile weder mit dem Auto, noch per Flugzeug erreichbar. Daher empfiehlt sich eine Reise besonders in den Monaten Dezember bis April, in denen auch die Belastung durch Moskitos geringer ist.

 

Unsere Tour durch Kambodscha

Siem Riep (4 Tage)

Die bedeutendste Sehenswürdigkeit in Kambodscha sind zweifellos die Tempel von Angkor. Daher haben wir auch ganz bewusst unsere Reise mit deren Besuch begonnen. Südlich des riesigen Areals liegt Siem Reap, eine schnell wachsende Stadt mit internationalem Flughafen, in der man zahlreiche Unterkünfte findet. Wir waren privat untergebracht, können daher keine Unterkünfte besonders empfehlen. Hier ist eine Liste mit laut Tripadvisor barrierefreien Übernachtungsmöglichkeiten:

Angkor Orchid Central Hotel: Kleines Bed- & Breakfast mit 19 Zimmern, eines davon ebenerdig erreichbar mit großem Bad.

Gloria Angkor Hotel: Einfaches, sauberes Hotel an einer der Einfallstraßen nach Siem Reap mit Pool, an dem Stufen ins Wasser führen.

Victoria Angkor Resort & Spa: Eine der Top-Adressen in Siem Reap. Die großzügigen Zimmer sind luxuriös ausgestattet. Wem die Übernachtung zu teuer ist, sollte in diesem mondänen Haus zumindest zur Happy Hour bei Jazzmusik und Snacks vorbeischauen.

Die Tempelanlagen von Angkor verteilen sich über ein riesiges Areal. Man sollte sich unbedingt einen Führer und Fahrer mieten und mindestens zwei Tage für die Besichtigung einplanen. Dies macht man am einfachsten über lokale Reisebüros, die auch die Beschaffung der Tagespässe organisieren.

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Erst vom Hubschrauber aus erschließt sich die Größe des Angkor Wat Tempels.

Erst in den letzten Jahren hat sich die Tempelanlage Ta Phrom zum absoluten Publikumsliebling entwickelt. Grund ist der Film Tomb Raider, dem der Tempel als Kulisse diente. Die Hauptdarstellering Angelina Jolie soll dort auch ihr erstes Adoptivkind am Rande des Sets kennengelernt haben. Rund um die Anlage führen flache, gut befestigte Sandwege. In die meisten Höfe kommt man ohne Stufen.

Gut mit dem Rollstuhl zu besichtigen sind auch die Elefantenterrassen von Angkor Thom. Die „große Hauptstadt“ wurde ab Ende des 12. Jahrhundert errichtet. Die 3 m hohe Steinmauer, vor der eine asphaltierte Straße entlangführt, begrenzte einst einen großen Platz auf dem Paraden und Zeremonieren abgehalten wurden. Sie ist verziert mit zahlreichen Tierabbildungen wie Löwen, Garudas und Elefanten, die ihr den Namen gaben. Folgt man der Steinmauer in nördlicher Richtung, erreicht man den Bayon-Tempel, der ebenfalls von einer Asphaltstraße umgeben und daher gut – zumindest aus der Ferne – mit dem Rollstuhl zu besichtigen ist.

Rund 30 km nördöstlich von Siem Reap liegt eine der ältesten und gleichzeitig kunstvollsten Tempelanlagen Ankors – der hinduistische Tempel Banteay Srei. Der gleichmäßige rosa Sandstein ermöglichte eine so detailgetreue Ornamentik, dass sie beinahe wie aus Holz geschnitzt wirkt. Der Tempel ist von Kanälen umgeben, an denen Sandwege entlang führen. Ins Innere der Anlage kommt man nur über wenige, aber dafür hohe Steinstufen, innen sind die Wege mit unebenen Pflastersteinen ausgelegt. Es genügt als in einer Ecke den Blick auf die reich verzierten Stupas in der Mitte des Hofes zu genießen. Auf alle Fälle lohnt sich ein Besuch der in niedrigen Baracken östlich gelegenen Ausstellung, die die Ausgrabungen von Banteay Srei dokumentiert und gänzlich ebenerdig ist.

Die größte und bekannteste Tempelanlage in der Region ist Angkor Wat. Der ursprünglich hinduistische Tempel wurde ab Anfang des 12. Jahrhunderts errichtet und immer wieder erweitert und umgebaut. Heute umgibt ein 1,3 x 1,5 Km langer Kanal das Areal, der einerseits als Teil eines großen Wassernetzes zum Heranschaffen der Sandsteine diente und andererseits als Symbol für die Grenze zwischen dem Irdischen und dem Göttlichen galt. Angkor Wat ist alles andere als rollstuhlgerecht. Schon auf die Brücke muss man mehrere Steinstufen überwinden, am besten hält man sich danach links, durch das kleine Tor sind es nur ca. 5 Stufen rauf und 3 runter. Im Inneren der Anlage kann man auf Kieswegen oder auf fester Wiese den eigentlichen Tempel umrunden. Die Säulengänge mit Sandsteingravierungen, die alte hinduistische Sagen beschreiben, erreicht man nur über mehr als 20 steile Steinstufen.

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Leider fanden wir 2014 noch keine Rampen für Rollstuhlfahrer in Angkor Wat vor. Man sollte also auf jeden Fall kräftige Helfer dabei haben.

Wir haben dieses Hindernis zum Anlass genommen, Ankor Wat aus einer anderen Perspektive zu besichtigen – via Helikopter vom Flughafen in Siem Reap aus (buchbar über www.helicopterscambodia.com).

In Siem Reap selbst lohnt sich auf alle Fälle ein Besuch des Art Center Market, auf dem man neben Raubkopien aller Textilmarken auch schönes Kunsthandwerk findet. Daneben bieten mehrere NGOs schöne Mitbringsel für die Liebsten zu Hause an. Zum Beispiel Friends ’n‘ Stuff, deren handgemachter Schmuck, Geldbeutel und Taschen aus recyceltem Material mittellosen Familien ein kleines Einkommen ermöglicht.

Ein absolutes Highlight war für uns der Besuch des Phare Cambodian Circus. Die Artisten und Musiker sind Kinder aus sozial benachteiligten Familien. Das Projekt finanziert eine Schule in Battangbang, in der neben den normalen Schulfächern eben auch Artistik, Musik, Malerei, Videoschnitt etc. unterrichtet werden – ein wirklich tolles Projekt mit atemberaubender Bühnenshow.

Battambang (3 Tage)

Die in West-Kambodscha liegende Stadt Battambang ist rund 3 Autostunden von Siem Reap entfernt. Sie wird auch der „Reiskorb Kambodschas“ genannt, weil das fruchtbare Land der Region zwei Reisernten pro Jahr ermöglicht. Wir haben die Hinfahrt auf dem Wasserweg unternommen. Mehrmals täglich fahren Flussboote von Siem Reap nach Battambang, auf denen jedoch kaum Platz für einen Rollstuhl ist, daher haben wir uns privat ein Boot gemietet. Vom Fluss aus kann man die Floating Villages besichtigen – auf dem See Tonlé Sap schwimmende Dörfer, die je nach Wasserstand „umziehen“. Außerdem sieht man die großen, traditionellen Netzkonstruktionen, mit denen hier gefischt wird.

Die Übernachtung im Bambu Hotel in Battambang können wir wärmstens empfehlen. Der irische Besitzer hat extra Rampen gebaut, um die Anlage barrierefrei zu machen. Die Bäder der im Erdgeschoss liegenden Zimmer sind geräumig in der begehbaren Dusche steht eine Holzbank zum Umsetzen. Spontan fuhr uns der Hotelbesitzer in ein Café in der Stadt, in dem ein Filmfestival stattfand.

Neben der schmucken Innenstadt im Kolonialstil hat Battambang ein besonderes touristisches Highligt zu bieten: den Bambu Train. Das von den französischen Kolonialherren eingeführte Schienensystem ist schon seit Jahrzehnten nicht mehr in Betrieb. Stattdessen haben sich einige findige Bastler aus Eisenrädern, Bambusmatten und Boots-Außenbordermotoren fahrbare Untersätze gebaut, mit denen sie teilweise Einheimische und ihre Waren, hauptsächlich jedoch Touristen einige Kilometern auf den verwitterten Schienenwegen transportieren. Nicht barrierefrei? Von wegen: Je nach Gesundheitszustand wird der Rollstuhlfahrer mit oder ohne Rolli auf die Bambusmatten gesetzt und ab geht die Fahrt – ein Heidenspaß! Und wenn ein „Zug“ entgegenkommt, müssen dessen Passagiere absteigen, der Wagen wird von den Gleisen gehoben und hinter dem entgegenkommenden Waggon wieder auf die Schienen gesetzt.

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Zwei Radachsen, ein Holrzahmen, Bambusmatten, ein umgebauter Außenbordmotor – fertig ist der Bambu Train.

Phnom Penh (7 Tage)

Die Hauptstadt Kambodschas hat rund 1,5 Mio. Einwohner und bildet das wirtschaftliche Zentrum Kambodschas. Durch ihre Lage am Tonlé Sap erreicht man über den Flussweg von hier aus sowohl Siem Reap, als auch Laos und Vietnam über den Mekong. Zahlreiche Flusskreuzfahrten starten von hier – leider gab es 2013 noch keine barrierefreien Flusskreuzschiffe. Allerdings begutachteten wir für einen Reiseveranstalter ein Schiff, damit dessen Nachfolger mit zwei rollstuhlgerechten Kabinen ausgestattet wird.

Eine sehr empfehlenswerte Unterkunft ist The Pavilion. Der ehemalige Wohnsitz der Mutter des Königs aus den 1920er Jahren liegt zentral hinter dem Königspalast und bildet mit seinem schönen palmenbewachsenen Garten eine Oase der Ruhe im hektischen Großstadtgetümmel. Auch wenn die Rezeption nur über Stufen erreichbar ist, gibt es doch einige Zimmer, in die man stufenlos gelangt. Der Pool verfügt über Stufen.

Das Hotel Pavilion nahe des Royal Palace bietet einen ruhigen Innenhof mit Swimming Pool und Restaurant zu Erholung vom Großstadt-Trubel.

Das Hotel Pavilion nahe des Royal Palace bietet einen ruhigen Innenhof mit Swimming Pool und Restaurant zu Erholung vom Großstadt-Trubel.

Wir übernachteten in der Arun Villa, die südlich des Zentrums liegt. Von dort sind die meisten Sehenswürdigkeiten nur mit dem Taxi oder dem Tuk Tuk erreichbar. Außerdem gibt es am Eingang und dem Pool jeweils eine hohe Stufe. Das Personal war aber sehr hilfsbereit und wir bekamen die ebenerdige Suite zum Preis eines Doppelzimmers.

Kambodschas wichtigste Handelsmetropole versprüht noch am ehesten so etwas wie internationales Flair. So ist die Auswahl an internationalen Restaurants auch hier am größten – von asiatisch bis europäisch, von spottbillig bis upmarket. Wir empfehlen einen Besuch im La Croisette, einem Café am Fluss mit leckeren italienischen Pizzas und internationaler Küche.

Der Royal Palace liegt mitten im Zentrum der Stadt und ist bis heute der offizielle Amtssitz seiner Majestät König Norodom Sihamoni. Der größte Teil der Anlage ist für Besucher geöffnet. Man sollte sich einen englischsprachigen Führer nehmen – dann hat man gleich eine helfende Hand, wenn kleinere Stufen oder Schwellen zu überwinden sind. Besonders beeindruckend ist der ca. 600 m lange Säulengang, an den Wänden stellen Malereien buddhistische Sagen dar. Der Thronsaal ist nur über viele Stufen erreichbar. Kleiner Trost: auch Fußgänger dürfen oben nur einen Blick durch die Türen werfen; das Betreten ist nur der Königsfamilie und ihren Gästen gestattet.

Auf der Spitze des Pagodendachs des Thronsaal im Royal Palace sitzt der viergesichtige Kopf des Schöpfergottes Brahma.

Auf der Spitze des Pagodendachs des Thronsaals im Royal Palace sitzt der viergesichtige Kopf des Schöpfergottes Brahma.

Wer Kambodscha zum ersten Mal besucht, sollte sich neben den erstaunlichen Tempelbauten der Khmer-Kultur auch den dunklen Seiten der jüngeren Geschichte widmen, um die heutige Situation des Landes und seiner Menschen besser zu verstehen. Dies ist in Phnom Penh sehr einfach: Das Toul Sleng Genocide Museum (S-21) liegt mitten in der Stadt. Die ehemalige Highschool wurde während des Pol-Pot-Regimes zum Internierungslager, in dem verdächtige Regimegegner als Spione überführt werden sollten. Nach qualvollen Verhören, die oft genug zum Tod führten, wurden die Gefangenen von hier aus dann in die sogenannten Killing Fields gebracht und meist innerhalb weniger Stunden brutal getötet. Eines dieser Massengräber, das Cheong EK Genocidal Center, liegt ca. 20 Autominuten vom Zentrum Phnom Penhs entfernt. Ein Audioguide (auch in Deutsch) führt über das Gelände, der feste Sandboden ist relativ gut mit dem Rollstuhl befahrbar. Das Museum, in dem einige der Mordinstrumente sowie Beschreibungen einiger Anführer der Roten Khmer ausgestellt sind, ist nur über Stufen erreichbar. Auf Nachfrage helfen aber die Museumswärter, den Rollstuhl hochzutragen. 

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Die Massengräber in den Killing Fields des Cheong EK Genocidal Center sind überdacht, um sie vor Regen zu schützen. Die Freundschaftsbändchen am Zaun wurde von Besuchern als Zeichen der Solidarität mit den Opfern hinterlassen.

Kracheh (1 Tag)

Wer den dünnbesiedelten Nordosten Kambodschas besuchen möchte, kann hier gut einen Zwischenstopp einlegen. Besonderes Highlight sind die seltenen Flussdelfine, die man einige Kilometer südlich von Booten aus beobachten kann. Da wir während der Trockenzeit in Kracheh waren, mussten mehrere Dutzend Stufen überwunden werden, um zu den Booten zu gelangen. Aber mit vereinten Kräften von Parkwächtern, Straßenhändlern sowie Bootsführern und ein paar Dollars Trinkgeld waren selbst diese Höhenmeter kein Problem. Die Fahrt in den schmalen Holzbooten war wirklich ein unvergessliches Erlebnis – auch wenn ich keinen Flussdelfin zu Gesicht bekam…

Sonnenuntergang über dem Mekong bei Kracheh.

Sonnenuntergang über dem Mekong bei Kracheh.

 

Ratanakiri (4 Tage)

Die Fahrt in die Stadt Krong Ban Lung dauerte von Kracheh aus rund 5 Stunden. Entlohnt für die strapaziöse Fahrt über teilweise schlaglochübersähte Straßen war die schmucke Lodge des Terres Rouges mit gemütlichen Zimmern im Kolonialstil und einem herrlich erfrischenden Swimmingpool. Hinten im Garten gibt es ein Erdgeschosszimmer in einer Villa, das über ein großes Badezimmer verfügt.

Unser erster Ausflug führte uns zum nahe gelegenen Kratersee Yeak Laom Lake. Leider sind es auch hier ca. 40 flache Stufen bis zum Ufer, aber die Strapatzen lohnen sich in jedem Fall. Von Holzstegen aus kühlen sich Touristen wie Einheimische im dunklen Wasser ab. Der Blick auf den kreisrunden See ist phänomenal. In diesem Video bekommt man ein paar Eindrücke davon.


In Ratanakiri findet man noch einige Dörfer, in denen die Einwohner sehr ursprünglich leben, eine eigene Sprache sprechen und bis auf den Verkauf ihrer landwirtschaftlichen Produkte kaum Kontakt zur restlichen Zivilisation haben. Manche erreicht man auch per Auto. Unser Führer zeigte uns darüber hinaus Kautschukplantagen, die von vietnamesichen Großfirmen angelegt werden und den ursprünglichen Urwald immer mehr verdrängen. In einigen Plantagen werden Halbedelsteine gefördert. Die Männer graben bis zu 15 m tiefe Löcher und treiben dann waagrecht Stollen in die Erde. Bei dieser gefährlichen Arbeit kommt es immer wieder zu tödlichen Unfällen. Doch der Verkauf der Steine ist zu lukrativ, so dass viele das Risiko eingehen.

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Nur mit einer Schaufel und einer Stirnlampe ausgerüstet wagt sich dieser Bergmann in die selbstgehauenen und ungesichertern Stollen vor, um nach Halbedelsteinen zu schürfen.

Fazit

Kambodscha ist eines der erstaunlichsten und widersprüchlisten Länder, die wir je besucht haben. Der Tourismus steht erst am Anfang, die politische Lage ist unstabil, die Korruption blüht. Nur langsam entsteht eine funktionierende Infrastruktur, große Teile der Wirtschaft sind vom Ausland – mehrheitlich Vietnam – bestimmt, der Raubbau an der Natur ist an vielen Orten sichtbar, die Vermüllung durch Plastikabfälle an jeder Straße unübersehbar. Auch die jüngste Geschichte der Roten Khmer und des dreißigjährigen Bürgerkriegs danach sind in keinster Weise aufgearbeitet.

Und doch hat uns selten ein Land so fasziniert und ihre Menschen so verzaubert. Die Aufbruchstimmung wird in jedem Winkel sichtbar – überall sprießen Hilfsprojekte und Initiativen für mehr Bildung, eine bessere Gesundheitsversorgung und wirtschaftliche Entwicklung wie Pilze aus dem Boden. Hinzu kommen die Kambodschaner selbst, die ausländischen Gästen mit großer Offenheit, herzlicher Gastfreundschaft und ehrlichem Interesse begegnen. Für Rollstuhlfahrer und Menschen mit Gehbehinderung mag es einfachere Länder zum bereisen geben, doch was an Transportmöglichkeiten und Infrastruktur fehlt, machen hilfsbereite Hände zehnfach wieder wett.