COVID-SPEZIAL – Lokal Reisen! – 12 September 2020

Zwei Begegnungen mit dem ewigen ‘rollenden’ Eis – und eine von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärte Zufahrt

Als ich in diesem Sommer um den Berninaberg wanderte (ich habe keine körperliche Behinderung), war ich von so überwältigenden und doch demütig machenden Ausblicken überwältigt – „wie klein wir sind und welch ein kurzer Blick auf die Zeit, die wir zwischen diesen Gletschern verbracht haben, die die Landschaft geformt haben, so majestätisch, aber gleichzeitig so verwundbar und schützenswert, dass sie heute in Teilen mit Folie abgedeckt sind, um sie vor Sonne und Hitze zu schützen“. Mit der Entscheidung von Reisen mit Rollstuhl e.V., auch lokale Reiseziele zu empfehlen, hielt ich meine Augen offen für mit dem Rollstuhl passierbare Wege in diese schönen Gefilde – und (unterstützt durch ein paar zusätzliche Quellen) fand ich heraus, dass zwei meiner Lieblingsplätze, der Roseg- und der Morteratschgletscher, sich als genau das herausstellten: eine Zuflucht in die schroffe Schönheit der Berge, die dennoch leicht zugänglich ist – wenn man bereit und  in der Lage ist, mit der Schweizer Währung und den leider hohen Preisen klarzukommen; aber die Bergblicke sind kostenlos, und mit ein wenig Vorbereitung, ist es auch möglich, das Reisebudget im Zaum zu halten.

Die räthische Bahn fährt über eine Brücke auf dem Weg zum Morteratsch-Gletscher

Und wenn Sie dort sind und nicht die ganze Strecke selbst zurücklegen wollen – unternehmen Sie einen Teil mit der Räthischen Bahn.

Für einen faulen Tag nach der Bergfahrt oder als landschaftliche Alternative für diejenigen, die sich mit Aufstiegen nicht wohl fühlen, ist ein Tag mit der Räthischen Bahn sehr zu empfehlen. Zwei Streckenabschnitte ihrer insgesamt 384 Kilometer langen Schienenstrecke, die Bernina- und die Albulalinie, wurden von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt und führen Sie entlang atemberaubender Aussichten, der Schwerkraft trotzende Brücken und Tunnelsysteme, die einen zweifeln lassen, ob der Weg gerade nach oben oder unten führt. Nicht alle Bahnhöfe sind barrierefrei, aber wenn Sie mindestens 24 Stunden vorher Bescheid geben, steht Ihnen Hilfe zur Verfügung.

© Flavio Karrer

Julia Reichert, (Fußgängerin), kennt Tobias und Verena (Gründer von „Reisenmitroll.de“) länger als sie denken kann. Sie unterstützt das Projekt in den Bereichen Marketing und Kommunikation. Seit 2019 teilt sie sich die Dramaturgen-Rolle mit Hayat Erdogan und Tine Milz am Theater Neumarkt in Zürich, Schweiz.

Über das Engadin

Für manche gilt es als der schönste Teil der Schweiz – ganz unten im Süden, im Kanton Graubünden, lockt das Engadin seit langem Besucher aus aller Welt an. Wo andere Länder Schlösser haben, erinnern einige verlassene, riesige Hotels, die in ähnlich monarchischer Bauweise gebaut wurden, an die lange touristische Geschichte der Region. Und wenn Geld keine Rolle spielt, lädt das weltliche St. Moritz immer noch „Reisekönige und -königinnen“ ein). Noch majestätischer sind jedoch die verschiedenen, oft über 4000 Meter hohen, von Gletschern umgebenen Gipfel. Fans von Bergfilmen kennen vielleicht den Piz Palü.

Sprache

Es ist leicht zu vergessen: Die Schweiz hat vier Amtssprachen: Italienisch, Französisch, Schweizerdeutsch und Rätoromanisch. Weder Englisch noch Deutsch sind eine davon, obwohl sie weit verbreitet sind.

Wanderwege und Pfade

Die Schweizer Wanderwege sind in der Regel sehr gut markiert. Empfehlenswert ist zusätzlich die App Outdooractive, die Ihnen einen kostenlosen Überblick über Distanzen und Routen gibt. Sie bietet allerdings keinen Filter für barrierefreie Wege.

Wetter und Klima

Keiner der Wege führt in hochalpines oder exponiertes Gelände. Aber sie beginnen hoch, weit über 1500 Meter. Da die Touren etwas länger sind und das Wetter in den Bergen schnell umschlagen kann, ist es sehr empfehlenswert, sich vorher vorzubereiten und das Wetter zu prüfen. (Beste App: MeteoSwiss). Wenn in der Vorhersage heftige Regenfälle & Gewitter vorhergesagt werden, überlegen Sie es sich gut – es ist schliesslich Alpengebiet. Selbst an einem schönen Tag können die Temperaturen schneller sinken, als Sie denken.

Hilfreiche Links

Es gibt auch einen sehr schönen Campingplatz in Morteratsch, dessen Toiletten und Duschen ebenfalls barrierefrei zugänglich sind. (Weitere Informationen: https://www.camping-morteratsch.ch/)

Weitere Tipps für barrierefreie Wanderwege in der Region, darunter diese beiden Touren mit Kartenmaterial:
https://www.engadin.stmoritz.ch/_objects/file/?id=124878 (in deutscher Sprache)

Haben Sie immer noch nicht genug von Gletschern? Dann werden Sie hier: https://www.aletscharena.ch/destination/barrierefrei/

Route 1 – Roseggletscher

Die schönere der beiden Varianten – Val Roseg – bietet einen Anstieg vom Bahnhof Pontresina aus (Parkplätze vorhanden). Sie starten auf 1800 Metern und überqueren die Gleise in Richtung Hotel-Restaurant Roseg Gletscher (1990 Meter) – der Weg ist 7 Kilometer lang. Der Naturweg ist gut gepflegt und weist keine nennenswerten Hindernisse auf. Es gibt einige Wasserrinnen von etwa 8 cm, und im ersten Drittel des Weges gibt es einige mittelschwere Anstiege. Es gibt auch Pferdekutschen, die auf diesem Weg fahren (Reservierung empfohlen: T +41 78 944 75 55). Das Restaurant ist oft überfüllt, zumindest in der Hochsaison, und ein wenig touristisch, aber die Aussicht ist es wert. (Leider sind die Toiletten nicht barrierefrei (T +41 81 842 64 45).

Route 2 – Morteratsch Glacier

Wer mehr Bergfeeling, mehr Nähe zum Eis sucht und mehr über die Gletscher, ihre Geschichte und ihre schrumpfende Existenz erfahren möchte, ist in Morteratsch genau richtig. Etwas abgelegener am Ende des Tals (immer noch leicht mit dem Auto und der Bahn erreichbar) bietet es nicht nur Blicke auf den Piz Palü & Bernina, sondern auch einen Lehrpfad, der durch die Geschichte des Gletschers führt… Ich war ziemlich gerührt, als ich auf einer Bank saß, genau an dem Punkt, an dem der Gletscher im Jahr meiner Geburt endete. Ich hatte noch einen ziemlichen Weg vor mir, um das heutige Ende zu erreichen. Es gibt auch ein attraktives Angebot für Kinder (und solche mit kindlichem Humor, wie mich), sich spielerisch ein Bild davon zu machen, was in den letzten paar hundert Jahren mit dem Eis passiert ist.
Pro infirmis empfiehlt eine Tour, die nicht am Bahnhof Morteratsch, sondern am Bahnhof Surovas (es gibt ein Parkhaus namens Mulin) beginnt. Rechts, oberhalb des Bahnhofs, folgen Sie dem Wanderweg über die Alp Veglia zum Hotel-Restaurant Morteratsch. Von dort aus können Sie dem Wanderweg bis zum Rand des Gletschers folgen. Von Pontresina sind es 5.5 km bis Morteratsch, bis zum Gletscher sind es 8 km. Das Restaurant in Morteratsch verfügt über eine schöne Sonnenterrasse und barrierefreie Toiletten (T +41 81 842 63 13). Empfohlene Reisezeit ist von Juni bis Oktober.

Sobald Sie Morteratsch erreichen, wird der Weg etwas schroffer, wie auf dem Bild zu sehen ist. Man muss sich zwar um einige mittelgroße Felsen herum bewegen, aber es ist ein breiter und meist flacher, nur an einigen Stellen mäßig steiler Pfad. Er gilt als durchgehend rollstuhlgängig, aber je nach Ihrer Fitness und Ihrem Rollstuhl kann eine gewisse Unterstützung ratsam sein.
Der Pfad steigt bis ins Tal hinauf und endet nur einen Steinwurf vom Eis entfernt.

Tafeln informieren den Wanderer über die Geschichte des Morteratschgletschers und seinen Rückgang in den letzten Jahrzehnten durch den Klimawandel

Tafeln informieren den Wanderer über die Geschichte des Morteratschgletschers und seinen Rückgang in den letzten Jahrzehnten durch den Klimawandel