Marrakesch im Rollstuhl – definitiv eine Reise wert!

Von Verena and Tobias Streitferdt
Dauer: Da Marokko nahe an Europa liegt und man daher nur maximal einen halben Tag mit dem Flugzeug von dort anreist, ist Marokko schon für eine Woche ein attraktives Reiseziel für europäische Rollstuhlfahrer. Die Vorteile: nur einen vierstündigen Flug, keine Visumspflicht und doch ein ganz anderes kulturelles Umfeld. Sobald Sie ankommen, tauchen Sie in die orientalische Kultur ein, von den Märkten, über Musik, trockene Wüstenlandschaften und dem leckeren Essen mit exotischen Gewürzen. Auf jeden Fall ist Marokko eine Reise wert.
Literaturtipp: Wüste von Jean-Marie G. Le Clézio

Über meine Behinderung

Ich reise in einem faltbaren Aktiv-Rollstuhl, den ich selbst nicht manövrieren kann. Nachts brauche ich ein elektronisches Atemgerät, um meine Lungen zu entlasten. Das heißt, ich brauche während der ganzen Nacht Strom. Außerdem muss ich täglich Medikamente einnehmen. Deshalb achte ich darauf, dass in den Ländern, in denen ich reise, eine ausreichende Gesundheitsversorgung im Falle eines Notfalls vorhanden ist. Aus meiner Erfahrung hat Marokko diese Bedingungen erfüllt.

Transportmittel in Marokko

Wir flogen mit Royal Air Maroc direkt von München nach Marrakesch mit einer kleinen Verzögerung, aber der Zutritt zum Flugzeug erfolgte über einen Finger und in Marrakesch gab es einen elektrischen Lifter die Treppe hinunter. Handioasis hat einen rollstuhlgerechten Bus und einen modifizierten Jeep, mit dem wir abgeholt und im Land herumgefahren wurden. Ansonsten kann man für die Reise auch normale PKW mieten, aber Achtung, das Mieten ist relativ teuer und die Preise variieren sehr. Wir haben keine andere Transportart ausprobiert.
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Kommunikation

Wir kauften eine lokale marokkanische SIM-Karte, die sehr preiswert, einfach zu benutzen und zu installieren war. Obwohl die meisten Resorts / Hotels Internetanschlüsse anbieten, war besonders außerhalb von Marrakesch die Internetverbindung eher schlecht. Wir saßen drei Tage in einem 5-Sterne-Hotel (Kasbah Bab Ourika – nicht für Rollstuhlfahrer geeignet) ohne Internetzugang.

Essen und Trinken

Marokko bietet leckeres Essen und Getränke, vor allem, wenn man Tees und gut gewürztes Essen mag… Der Pfefferminztee, der zum Frühstück serviert wird, macht in kürzester Zeit wach. Andere Tees wie der Berber-Tee (mit Kräutern aus den Bergen) und Nachttee (der Tee der Tuareg) ist reich an Aromen und wirklich einen Versuch wert. Ein typisches Mittagessen beginnt mit einer Reihe von warmen und kalten Salaten, gefolgt von einer Tajine. Für eine festliche Mahlzeit – z.B. am Freitag nach dem traditionellen Moscheebesuch – wird oft ein Lamm- oder Hühnchengericht oder Couscous mit Fleisch und Gemüse serviert. Eine Tasse heißer, gesüßter Minztee beendet normalerweise die oft sehr reichhaltige Mahlzeit.

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Religion und Kultur

Marokko ist ein muslimisches Land, aber die meisten der nomadischen Bewohner (Berber) und Stämme wie die Tuareg bewahren immer noch ihre Kultur und Traditionen. Es gibt einige großartige Museen in Marrakesch. Zum Beispiel zeigt der Jardin de Majorelle schöne Berber-Kleidung und erklärt deren Geschichte und Bedeutung. Darüber hinaus können Sie die schönen Häuser einiger der ehemaligen Herscher-Familien in Marrakesch besuchen. Die Mosaiken dort sind frisch restaurariert und sehr beeindruckend. Die Partriachalgesellschaft ist omnipräsent, Frauen und Kinder bleiben hauptsächlich in den eigenen vier Wänden, während die Männer ausgehen, um sich mit ihresgleichen zu treffen. Dies ist auf dem Land noch deutliche sichtbar. Zum Beispiel ging meine Schwester Verena eines Morgens allein auf den lokalen Markt des Ourika-Tals und fühlte sich als die einzige Frau unter Hunderten von Männern doch recht deplatziert.

Reiseveranstalter für Behinderten-Reisen


Empfehlenswerter Reiseveranstalter: Handioasis | Weniger empfehlenswert: Morrocco Accessible Travel, weil sehr teuer und die Hotels in keiner Weise rollstuhlgerecht waren.

Handioasis ist großartig!

Ihr erfahrt mehr über diese fantastische Unterkunft unter Handioasis in Marrakesch – Marokko. Carole und Jose haben hier mit ihrem marokkanischen Team wirklich eine traumhafte Oase für behinderte Reisende geschaffen. Jede nötige Hilfe, sei es Unterstützung bei der Pflege oder spezielle Ausstattungswünsche im Zimmer, wird schnell und kostengünstig organisiert. Zum Team gehören auch festangestellte Pflegerinnen und Pfleger, die man für den gesamten Aufenthalt buchen kann. So sind oft Familien mit einem behinderten Angehörigen unter den Gästen, aber auch alleinreisende Rollstuhlfahrer. Handioasis ist wirklich ein Ort, an dem man als Mensch mit Behinderung ohne Sorgen Urlaub machen kann!
Carole and Jose of Handioasis

Morocco Accessible Travel ist NICHT zu empfehlen

Wir haben die meisten Unterkünfte über die Website http://www.moroccoaccessibletravel.com/ gefunden, die einige hilfreiche Informationen bietet. Als wir jedoch mit diesem Veranstalter einige Tourenvorschläge aus Marrakesch in den Atlas oder zum Strand angeboten bekamen, waren wir sehr enttäuscht, da die Preise nicht transparent und sehr hoch waren. Einen Vorschlag des Veranstalters – ein Fünf-Sterne-Resort, Kasbah Bab Ourika im Atlasgebirge – haben wir über sie gebucht. Aber diese Unterkunft war alles andere als barrierefrei und wir waren sehr enttäuscht. Unsere „Suite“ war direkt neben dem Eingang und eher klein. Die Terrasse, die einen schönen Blick ins Tal bot, war nur über mehrere Stufen zu erreichen und damit für einen Rollstuhlfahrer nutzlos. Die Wege des Gartens waren größtenteils mit kleinen Kieselsteinen bedeckt und das Personal half nur zögerlich. Wir haben es mit Rollstuhl ins hoteleigene Hammam geschafft, aber auch nur über mehrere Stufen. Wenn ein normaler Reiseveranstalter uns empfohlen hätte, dorthin zu gehen, hätten wir das verstanden. Dies ist jedoch bei einem Reiseveranstalter, der behauptet, barrierefreie Reisen anzubieten, nicht akzeptabel!

Marrakesh im Rollstuhl

Unterkunft: Handioasis

Hier wurde das Konzept für 100% barrierefreies Reisen wirklich großartig realisiert. Das liegt vor allem an den beiden Gastgebern Jose und Carole. Jose arbeitete als Reha-Techniker und Carole war 15 Jahre Krankenschwester in Frankreich, bevor sie sich entschieden, etwas Neues zu wagen. Handioasis: eine Oase für Rollstuhlfahrer und ihre Familien. Die Zimmer sind zum Garten hin ausgerichtet, der wunderschön mit üppigen Blumen und Kakteen bestückt ist. In der Mitte befindet sich ein Swimming-Pool und ein gemeinsamer Essbereich, in dem sich alle Gäste zum Frühstück und Abendessen treffen. Das absolute Highlight ist die Dachterrasse, die Rollstuhlfahrer über eine lange Rampe erreichen.
Die Zimmer sind einfach, aber mit allem ausgestattet, was Rollstuhlfahrer im Zimmer benötigen – ohne teuren oder ausgefallenen Schnickschnack. Der Platz zwischen Bett und Wand ist groß genug. Die Dusche ist durch einen Vorhang getrennt, damit man mit dem Rollstuhl ausreichend Platz zum manövrieren hat. Und natürlich können alle Arten von Hilfsmitteln zur Verfügung gestellt werden: verstellbare Betten, Griffe, die helfen, sich aus dem Bett zu heben, Duschstühle etc.
Außerdem bieten Jose und Carole viele Aktivitäten für Rollstuhlfahrer und ihre Mitreisenden an. Sie haben einen barrierefreies Großraumtaxi, mit dem die Gäste vom Flughafen abgeholt werden können. Ein Jeep mit Vierradantrieb wurde mit einem Lifter aufgerüstet, so dass man aus dem Rollstuhl in den Beifahrersitz gehoben werden kann. Über einen Kran mit Hydraulikpumpe gelangt man in den Pool. Der Aufenthalt im Handioasis Hotel war wirklich der Höhepunkt unserer Reise!
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Aktivitäten für Rollstuhlfahrer in Marokko

Besuchen Sie ein lokales Hammam (Dampfbad) – Marokko ist ein Hammam-Land. Die einheimischen Frauen erklärten uns, dass sie mindestens einmal pro Woche in das örtliche Badehaus gehen würden, um sich zu reinigen, aber auch mit den anderen Leuten im Dorf Kontakt zu halten. Das Hammam besteht aus einer Dampfsauna, in der man zusätzlich von Kopf bis Fuß abgeschrubbt wird – nicht weich, sondern wirklich hart, damit sich die ganze schmutzige Haut ablöst – ein fantastisches Gefühl!

Info für Rollstuhlfahrer

Die öffentlichen Hammas in Marokko sind in der Regel nicht barrierefrei und auch streng  nach Geschlechtern getrennt. Deshalb fuhren wir zu einem privaten Hammam, das an ein Resort angeschlossen ist – etwa 10 Minuten Fahrt von Handioasis (Carole kann es buchen). Man kann die Hammam-Kammer in einem Baderollstuhl erreichen, der bereit steht. Der Preis lag bei ungefähr € 30. Das Erlebnis, die Atmosphäre und das Personal waren großartig.

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Im Souk von Marrakesch findet man zahlreiche Souvenirs

Besuchen Sie den Jardin de Majorelle

Ursprünglich von dem französischen Maler Jacques Majorelle als botanischer Garten entwickelt, wurde er durch die Übernahme durch Yves de Saint Laurent im Jahr 1980 berühmt. Beeindruckend ist vor allem seine botanische Vielfalt, er beherbergt aber auch ein Museum über Yves Saint Laurent und eines, das die traditionelle Kleidung und Dekoration der Berber ausstellt. Der Garten ist zwar zu den Stoßzeiten mittags vom Massentourismus ziemlich überlaufen, aber dennoch lohnt ein Spaziergang in dieser grünen Oase mitten im Zentrum der Stadt. Stellen Sie sicher, dass Sie genügend Zeit haben, um nicht nur schnell durchzuhetzen, sondern auch zu sitzen und die Ruhe zu genießen. Das Café serviert Tee und gute Mittagsgerichte. Wenn Sie keine Zeit für zwei Ausflüge haben, würden wir lieber den Paradiesgarten von Andre Heller (siehe weiter unten) empfehlen, da er nicht so überfüllt ist und es auch hier einen traumhaft schönen Garten mit fantasievollen Skulpturen zu entdecken gibt.

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Eine willkommene Pause im Café de Jardin de Majorelle

Info für Rollstuhlfahrer:

Alle Wege sind barrierefrei erreichbar. Wenn Sie in das Museum gehen wollen, können Sie es durch den Touristenladen erreichen.

ANIMA – Andre Heller’s Paradiesgarten

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Spiegelskulptur im ANIMA-Garten des österreichischen Künstlers André Heller bei Marrakesch

Dieser im wahrsten Sinne des Wortes fantastische Garten liegt etwa 27 km südlich von Marrakesch. André Heller plante und bepflanzte das Areal über 10 Jahre lang, bevor er ihn im April 2016 eröffnete. Es ist eine Mischung aus Skulpturenpark und botanischem Garten. Die ruhige Atmosphäre lädt nach dem Besuch des quirligen Stadtlebens Marrakeschs ein, sich hier etwas zu entspannen, zu staunen und zu kontemplieren…. Es gibt ein Café und Ausstellungen mit lokalen Künstlern.

Info für Rollstuhlfahrer:

Es gibt einen kostenlosen Shuttle-Bus von der Stadt, aber es ist leider ohne Lift, so dass es für körperlich behinderte Menschen schwierig sein kann, ihn zu nutzen. Wir nahmen ein privates Taxi, in das ich mit Hilfe meiner Schwester auf den Beifahrersitz wechselte. Durch den Garten führt ein Kiesweg, der Kies ist aber nicht sehr tief und nur an wenigen Stellen ist der Weg steil oder schräg. Die meisten Wege sind mit Rollstuhl gut befahrbar, wenn man einen tatkräftigen Schieber dabei hat. Das Café und das Museum sind ebenfalls barrierefrei zugänglich.

City Tour: El FNA square – Saiid Grabmahle – Bahia Palast – “Apotheke” – Souk

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Grabmal im Zentrum von Marrakesch

Marrakesch ist aufgrund seiner Paläste und Märkte definitiv einen Besuch wert. Wir nahmen uns einen lokalen Führer, der uns durch die Gassen der Altstadt führte. Wir begannen am Jamma EL FNA Platz und gingen dann zu einem sehr versteckt liegenden Friedhof, in dem einige Gräber der Familie des Sultans Ahmad Al-Mansur aus dem 16. Jahrhundert liegen. Interessanterweise war die Ruhestätte wegen der eng aneinander gebauten Stadthäuser über die Jahrhunderte in Vergessenheit geraten und wurde erst 1917 wieder entdeckt, als man die Stadt von einem Flugzeug aus für Kartografiezwecke fotografierte.

Danach besuchten wir den Bahia-Palast – ein beeindruckendes Gebäude, das erst Mitte des 19. Jahrhunderts erbaut wurde. Über die Jahre wurden noch ein Hammam und ein schöner Garten hinzugefügt. Nach einer umfassende Renovierung 2015 konnten wir nun die Wohnräume des Sultans und den beeindruckenden Mosaik-Innenhof bestaunen. In muslimischen Ornamenten sind niemals Menschen abgebildet, da niemand mehr verehrt werden sollte als Allah.
Danach wurden wir in eine „Apotheke“ geführt… Hier sollte man etwas vorsichtig sein, da einige der Kräuter und Gewürze, obwohl authentisch, völlig überteuert sind.
Zum Abschluss schlenderten wir noch über die Märkte, die auf jeden Fall einen Besuch wert sind. Sie können hier Lederprodukte, Gewürze, Keramik oder Kleidung kaufen. Unser Führer bot uns an, uns zu einer rollstuhlgerechten Dachterrasse zu bringen. Leider ist uns die Zeit ausgegangen und wir mussten zurück.

Info für Rollstuhlfahrer:

Unser Führer hat unsere Tour angepasst, um sie möglichst stufenlos zu machen. Manchmal mussten wir ein paar Stufen überwinden – zum Beispiel im Bahia-Palast; aber es war immer jemand so hilfsbereit, uns über kleinere Hindernisse zu helfen. Der Vorteil: Sie werden vom Rundgang nicht so müde sein wie andere Mitreisende, die treppauf, treppab durch die Altstadt gehetzt sind 😉

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Der Mosaik-Hof im Bahia Palast in Marrakesch

Wüsentour mit dem Jeep:

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Der typische Berbertee wird immer erst nach dem Essen gereicht

Das ist der absolute Adrenalinschub! Meine Schwester und ich liebten es, meine Mutter war weniger begeistert. Wir rasten von Handioasis aus in einem Geländewagen mit Vierradantrieb über die Wüstendünen. Der Fahrer wird die Geschwindigkeit an Ihre Wünsche anpassen (es sei denn, Sie machen widersprüchliche Angaben, wie in unserem Fall)…

Es ist eine großartige Möglichkeit, das Outback von Marrakesch zu erkunden und ein bisschen nachzuempfinden, wie das Wüstenleben sein muss. Sie passieren verlassene Dörfer und sehen noch bewohnte, abgelegenen Bauernhöfe. Wir hatten auch ein wunderschönes marokkanisches Mittagessen – Mutton Tagine. Unser Fahrer holte es aus seinem Heimatdorf frisch gekocht ab und wir aßen es in einem Souvenirgeschäft mit Blick auf die Berge. Ein großer Spaß und ein unvergessliches Erlebnis.

Info für Rollstuhlfahrer:

Jose hat einen Hebe-Lifter entwickelt, den er an der Beifahrertür des Jeeps befestigen kann, um Sie aus dem Rollstuhl auf den Beifahrersitz zu heben. Es ist eine tolle Konstruktion und bietet einen feudalen und schmerzfreien Transfer.

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Im Atlasgebirge ist Marokko grün

Insgesamt war es eine unvergessliche Reise – mit dem Flugzeug nur 3 Stunden von Mitteleuropa entfernt! Marokko ist für Reisende sicher und die Infrastruktur ist ebenfalls gut. Da aktuell nur wenige Länder in Nordafrika ohne Sicherheitsvorkehrungen besucht werden können, ist Marokko aus unserer Sicht – wenn auch nicht sehr billig – eine der besten Alternativen.