In diesem Reisetagebuch berichtet der Rollstuhlfahrer Tobias Streitferdt über seine Reise nach Bali, Sulawesi und Raja Ampat in Indonesien:

Barrierefrei ist das neue „Normal“

Die erste Unterkunft, die ich mit meiner Schwester und meiner Mutter auf Bali bezogen habe, ist die Villa Sunset View in Canggu. Sie ist ein Paradebeispiel, wie barrierefreie Unterkünfte sein sollten.

Hier unsere wichtigsten 10 Kriterien für eine perfekte barrierefreie Unterkunft:

1. Alles ist ebenerdig

Die Villa ist im Grunde ein Bungalow, denn die gesamte Wohnfläche befindet sich auf einer Ebene mit Natursteinboden. Weder am Eingang, noch zwischen den Türen befinden sich Schwellen. Auch in der Dusche wurde anstatt der sonst üblichen Vertiefung eine ganz leichte Schräge eingebaut. Statt eines Abflusses gibt es einen dünnen Schlitz zwischen den Steinen, durch den das Wasser ablaufen kann. Diesen Luxus, dass wirklich alles ebenerdig und komplett barrierefrei erreicht werden kann, bieten die allerwenigsten Unterkünfte – ein großes, großes Plus!

2. Alles ist erreichbar und unterfahrbar

Oft findet man – auch auf Bali – Resorts mit ein bis zwei „rollstuhlgerechten“ Zimmern. D.h. dass sie ohne Stufen erreichbar und die Türen breiter als normal sind. Dabei wird oft vergessen, dass auch das Waschbecken im Bad unterfahrbar sein muss, damit man es als Rollstuhlfahrer gut erreicht. Doch nicht nur daran wurde in der Villa Sunset View gedacht: Herd und Waschbecken in der Küche, das Waschbecken im Bad sowie der große Tisch im Wohn- und Essbereich haben eine optimale Höhe und sind bis zu 1 m unterfahrbar. Außerdem sind alle Räume – inklusive des Abstellraumes – mit breiten Türen versehen und damit auch für Rollstuhlfahrer erreichbar. Die meisten davon sind Schiebetüren. Ebenfalls volle Punktzahl!

3. Alles in geeigneter Höhe

Wirklich klasse! Die Lichtschalter und Steckdosen in der Villa Sunset View befinden sich in Sitzhöhe.

Natürlich gibt es nicht DIE optimale Höhe für Betten, Toiletten etc., denn Menschen und damit ihre Rollstühle sind unterschiedlich groß. Jedoch ist es auf jeden Fall sinnvoll, wenn beispielsweise die Liege am Pool nicht so niedrig wie üblich ist. In der Villa Sunset View kann man die Höhe der Sonnenliegen noch verändern, indem man einfach zwei Polster übereinanderlegt. Betten und Toilette sind gut mit dem Rollstuhl anfahrbar und ebenfalls erhöht. Statt der klassischen Türgriffe gibt es an den meisten Türen senkrechte Griffstangen, so kann man die Tür aus verschiedenen Sitzhöhen öffnen und schließen.

4. Rampe in den Swimmingpool


Was dem Nicht-Rollstuhlfahrer vermutlich als erstes auffällt, ist die breite Rampe, die in den Swimmingpool führt. Sie erstreckt sich über die gesamte Breite des Pools und ist damit flach genug, damit jeder Rollstuhlfahrer in der für ihn geeigneten Tiefe aus dem Rollstuhl ins Wasser gleiten kann. Der gesamte Pool ist mit einer Tiefe von circa 120 cm sowohl für Schwimmer als auch für Nichtschwimmer gut nutzbar. Diese Lösung ist aus unserer Sicht zehnmal besser als jeder elektrische oder manuelle Lifter, der gerade in diesen feuchtwarmen Gebieten leicht kaputt gehen kann. Eine Rampe ist dagegen immer verfügbar und für viele Rollstuhlfahrer selbstständig nutzbar.

5. Lichtschalter und Steckdosen in Sitzhöhe

Viele Architekten, die eine barrierefreie Unterkunft konzipieren, gehen davon aus, dass ein Rollstuhlfahrer nie alleine reißt, und deshalb immer eine Hilfsperson mit anwesend ist und somit nicht alle Dinge vom Rollstuhl aus erreichbar sein müssen. Das bedeutet, dass häufig Lichtschalter, Steckdosen oder Türgriffe nicht in der geeigneten Höhe für Rollstuhlfahrer angebracht sind. Die Wasserhähne befinden sich klassischerweise hinter dem Waschbecken und sind oft für den Rollstuhlfahrer nur schwer erreichbar. Hierfür hat sich der Besitzer der Villa Sunset View etwas ganz besonderes ausgedacht: der Wasserhahn befindet sich rechts neben dem Waschbecken direkt an der Beckenkante. Lichtschalter und Steckdosen sind im ganzen Haus in Sitzhöhe und damit optimal erreichbar.

6. Alle Zimmer sind rollstuhlgerecht

Zwar bieten in westlichen Ländern viele Hotels extra rollstuhlgerechte Zimmer an, meistens jedoch stehen nicht mehr als ein bis zwei Zimmer zur Verfügung. Nur selten bieten diese dann Meerblick, sondern liegen oft zur Straße raus oder sind zwischen Fahrstuhl und Wäschekammer gezwängt – mit unterhaltsamen Geräuschen die ganze Nacht.
In der Villa Sunset View hat man die Qual der Wahl: alle fūnf Zimmer sind im gleichen Maße barrierefrei.

7. Gläser und Becher in unterschiedlichen Formen, Größen und Gewicht

Jede Behinderung ist anders und damit die Bedürfnisse von behinderten Menschen. Dieses kleine Detail hat uns besonders begeistert: in der gut eingerichteten Kūche gibt es verschiedene Gläser in unterschiedlichen Formen, Größen und Gewicht. Wer also wie Tobias mit seiner Muskeldystrophie nicht viel Kraft in den Fingern und Armen hat, greift einfach zum Plastikbecher.

8. Die Unterkunft ist von Anfang an nach barrierefreien Kriterien konzipiert

Als Rollstuhlfahrer merkt man sehr schnell, ob eine Unterkunft von Anfang an barrierefrei konzipiert wurde oder ob man nachgerüstet hat. Natürlich ist beides absolut lobenswert. Aber wenn die Barrierefreiheit die Normalität darstellt, bedeutet das für jeden behinderten und nicht behinderten Menschen einen besonderen Luxus!

Zum vorherigen Artikel der Serie:

Kurz vor der Abreise