Jocelyn, der Gründer von accesstrip.org, sitzt seit einem schweren Unfall im Jahr 2001 im Rollstuhl. Er selbst bezeichnet sich gerne als einen „Globeroller“. Sein Ziel ist es, eine Möglichkeit zu schaffen, Informationen über die Zugänglichkeit von Orten auf der ganzen Welt zu teilen und Erfahrungen darüber auszutauschen. Gemeinsam mit seinem Freund Manuel hat er sich für eine kollaborative Online-Plattform entschieden. Mehr Menschen sollen künftig der Organisation beitreten. Pierre, Aurélie und Adel beschlossen, dem Abenteuer zu folgen und zum Erfolg des Projekts beizutragen. Derzeit stellt accesstrip.org bereits Informationen für mehr als 40 verschiedene Destinationen auf der ganzen Welt bereit und enthält mehr als 50 Blog-Artikel über das Reisen mit Behinderung.

Reisen mit Rollstuhl: Jo, warum willst du das Reisen mit Rollstuhl unbedingt promoten?

Nachdem ich mit meinem Unfall eine sehr dramatische Phase durchlebt habe, erkannte ich die vielen positiven Einflüsse des Reisens. Ich wollte meine Erfahrungen mit Leuten teilen, die in der gleichen Situation waren oder sind. Vor meiner ersten Reise stand ich vor dem Problem, geeignete Informationen für Menschen mit eingeschränkter Mobilität dazu zu finden. Daher sagte ich mir, dass man den Zugang zu solchen Informationen unbedingt verbessern muss.

Ich war immer schon gerne unterwegs und interessierte mich besonders dafür, unterschiedliche Kulturen zu entdecken. Ich liebe es außerdem, die Natur zu erleben. Als ich meinen Unfall hatte, dachte ich, dass das alles nicht mehr möglich sein würde. Als „Gefangener in meinem Rollstuhl“ würde ich die Welt nur noch über den Fernseher sehen… Heute komme ich gerade von einer Reise durch Indien zurück, die ich für mehr als 3 Monate ganz alleine unternommen habe!

Ich war nach meinem Unfall total fertig und am Boden zerstört. Das Reisen half mir, mich wieder aufzurappeln. Heute bin ich glücklich und sehe das Leben positiv. Und genau das möchte ich an andere weitergeben.

Reisen mit Rollstuhl: Was war deine tollste Erfahrung auf deinen Reisen?

Ich habe viele Orte besucht und jedes Mal habe ich bereichernde Dinge erlebt. Brasilien – Marokko – Indien: Orte, wo das Leben hart, man aber gleichzeitig von so viel Freundlichkeit umgeben ist.

Ich machte so viele tolle Erfahrungen, ob große oder kleine – das wichtigste dabei waren immer die Begegnungen mit Menschen. Hauptsächlich habe ich dabei Geschichten von Indien im Kopf, aber ich möchte gerne eine Geschichte aus Chicago erzählen – Eine Couch-Surfing-Erfahrung. Es war meine erste Reise alleine und ich kam aus Boston. Ich hatte vorab nicht viel mit der Person kommuniziert, die mich aufnehmen würde. Es ging hauptsächlich um die Zugänglichkeit zu ihrem Haus. Als ich sie trag, erzählte sie mir, dass in einem großen Gebäude lebt und arbeitet, das Obdachlose, Musiker sowie Familien in Schwierigkeiten beherbergt. Als ich ankam, sagte sie zu mir, ich könnte in der Gemeinschaftsküche essen und sie gab mir die Schlüssel zu meinem Zimmer am Ende des Korridors. All dies, kostenlos, ohne zu wissen, wer ich war!

Während der drei Tage in Chicago fühlte ich mich als ein Teil dieser Gemeinschaft, obwohl ich nur ein vorübergehender Gast war. Ich habe meinen Touristenführer tief in meinem Rucksack gelassen. Allein bei dem Gedanken an diese erste Solo-Reise überkommen mich wieder die Emotionen. Diese Frau hat hat so viel gegeben: Sie war ein Koch und investierte in das Leben der Gemeinde, alles ohne Lohn. Sie hatte ihre kleine Wohnung im Gebäude, wie die anderen. Sie widmete ihr Leben, um Menschen zu helfen. Ich verstand, dass diese Person religiös war und als ich ging, sagte ich ihr, dass ich nicht an Gott glaube, aber das Treffen mit Menschen wie sie, lässt mich bis heute an die Menschheit glauben.

Jocelyn, Gründer von accesstrip.org auf einem TED talk in Rennes, Frankreich.

Reisen mit Rollstuhl: Wie kann man deiner Meinung nach mehr Menschen motivieren trotz Behinderung in entlegene Länder zu reisen?

Wir Menschen mit Behinderung haben eine andere Beziehung zu den Menschen in den Ländern, in denen wir reisen. Sie wissen genau, dass ihr Land mit Rollstuhl nicht besonders zugänglich ist und die meiste Zeit sehen sie keine Ausländer. Wenn sie also einem „weißen“ Mann im Rollstuhl begegnen, der ihr Land besucht und Probleme hat, sind sie überrascht, neugierig und freuen sich immer, wenn sie ihm helfen können.

Einmal bin ich in Rio de Janeiro durch eine große Favela (Rocinha) für etwa 4 Stunden gestreift. Jeder begrüßte mich sehr freundlich, sprach mich an und lud mich zu sich zu Hause ein. Viele Kinder kamen, um mich zu umarmen – ein sehr emotionales Erlebnis… Sie fühlten sich unermesslich glücklich, dass jemand wie ich trotz all der Schwierigkeiten ihr Zuhause besuchte (und so denken wirklich die meisten Menschen).

Solche Momente, die ich erleben durfte, kann man weder mit Geld aufwiegen, noch unter anderen Umständen als auf Reisen erleben. Trotz unseres Alltags erkennen wir so, wie schön dass Leben ist. Wenn wir unsere Augen und unser Herz öffnen, können wir unser eigenes Unglück leicht vergessen und durch die Erinnerungen an unsere Reisen motiviert es uns, weiter zu machen.